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Ectoin zur Stärkung der Hautbarriere in der Dermastabil Augenlidcreme

Frühjahr ist Allergiezeit. Pollen, Staub und Schadstoffe in der Luft können eine empfindliche Haut irritieren. Bei Allergikern zeigen sich erste Anzeichen meist auf den Augenlidern, die gerötet sind und geschwollen. Die Haut kann zudem trocken sein und schuppig.

Hier setzt das Produkt Dermastabil mit dem Wirkstoff Ectoin an.

Produktsteckbrief

15 ml Spender aus meiner Apotheke (Sonnenapotheke, Mülheim) kostet 17,80 EUR, gekauft am 12.05.2020. Im Internet ist dieses Produkt deutlich preiswerter zu haben, schon ab 12,48 EUR.

Inhaltsstoffe: Aqua, Glycerin, Glyceryl Stearate, Glyceryl Stearate Citrate , Butyrospermum Parkii Butter, Pentylene Glycol, Diethylhexyl Carbonate, Decyl Oleate, Caprylic/Capric Triglyceride, Ectoin, Squalane, Silica, Cetyl Alcohol, Spilanthes Acmella Flower Extract, Caprylyl Glycol, Xanthan Gum, Carrageenan, Citric Acid.

Ich schätze die Einsatzkonzentration des Wirkstoffs auf 1%


Abbildung 1: Dermastabil Augenlidcreme ist in einem Airless Spender verpackt

Augenlidcreme – die Aussage, der Spender und der Beipackzettel

Im TV bin ich in den letzten Wochen intensiv darüber aufgeklärt worden, wie die Dermastabil Augenlidcreme angeblich wirken soll. Nämlich mit Ectoin. Und hier soll Ectoin die Hautbarriere stärkten und stabilisieren. Um so enttäuschter bin ich als ich auf der Verpackung lese: „Hydratisiert, glättet, mildert Fältchen und trockene Hautstellen“. Das ist ein ganz normaler Kosmetik-Claim. Nix Barrierestärkung. Auf dem Beipackzettel finde ich immerhin die Erklärung: „Ectoin bindet Wasser in der Haut, deswegen ist sie widerstandsfähiger gegen äußere Einflüsse.“ Andere Apothekenkosmetika geben sich ja immerhin den Anschein medizinisch zu sein, davon ist dieser Beipackzettel weit entfernt, er ist sehr verkaufsorientiert. Eine Seite ist reine Information über andere Produkte der Marke und die Vorderseite echt schwache Informationen zum Produkt.

Abbildung 2: Der Beipackzettel, Vordereseite mit der Beschreibung von Ectoin als Wikrstoff

Das Produkt ist in einem sogenannten Airless Spender verpackt (siehe Abbildung 1). Das macht man, wenn ein Produkt ohne Konservierungsmittel auskommen soll. Dieser Spender verhindert, dass die Konsumentin mit ihren Fingern Keime in das Produkt bringen kann vulgo kontaminiert. Ein solcher Spendern muß vor Gebrauch „angepumpt“ werden. Nach mehr als 60 Pumphüben kommt dann auch Produkt raus. 60 Pumphübe ist echt ne Menge! Ich war schon kurz vorm Aufgeben und Reklamieren. Handelt es sich etwa um eine Mogelverpackung (1 -3)?

Abbildung 3: Größenvergleich verschiedener Verpackungen aus Apotheke und Prestige Segment. Die Verpackung der Dermastabil Augenlidcreme sieht vergleichsweise groß aus. Im Vergleich dazu wirken die Tuben der Chanel Augecreme, Bepanthen Augensalbe und der Eucerin Lotion logisch gestaffelt.

Sorry, das ist Enttäuschung auf ganzer Linie, dabei kann Ectoin tatsächlich was.

Ectoin und Extremolyte

Abbildung 4: Strukturformel von Ectoin, Quelle Wikipedia (4)

Ectoin heißt mit chemischen Namen (S)-2-Methyl-3,4,5,6-tetrahydropyrimidin-4-carbonsäure. Es gehört zu den sogenannten Extremolyten und ist chemisch gesehen eine Aminosäure. Extremolyte werden von Bakterien gebildet, damit sie unter extremen Bedingungen wie Hitze, Trockenheit oder hoher Salzgehalt überleben können. Sie sind organische Verbindungen, die sehr gut in Wasser löslich sind. Zu ihnen gehören Polyole, Zucker und Aminosäurederivate. Unter den extremen Bedingungen, erhalten sie die osmotische Funktion von Membranen und schützen Enzyme. Außer Ectoin sind Glycine-Betaine und α-α Trehalose bekannt (5). Isoliert wurde Ectoin aus dem Bakterium Ectothiorhodospira halochlori.

Die wechselvolle Geschichte des Rohstoffs Ectoin

1985, also vor 35 Jahren! beschrieben Galinski et al die Struktur von Ectoin anhand von NMR und IR Spektren (6).

Abbildung 5: Original Abstract aus der Veröffentlichung von Galinski et al. 1985

Dann passierte erst mal lange nichts. Im  Dezember 1993 meldete die Firma Marbert aus Düsseldorf die Verwendung von Ectoin in Hautpflegeprodukten zum Patent an: „Ectoin und Ectoinderivate als Feuchtigkeitsspender in Kosmetikprodukten“. Veröffentlicht unter DE 4342560. Und dann passierte –  wieder nichts. 1998 übernahm dann die Firma Merck, Darmstadt, die Rechte für Ectoin (7) und begann mit der Produktion des Wirkstoffs. Ja, und wieder nichts passiert. Denn als „Moisturizer“ stand Ectoin im Wettbewerb mit Glycerin, das ein preiswerter und leicht erhältlicher Rohstoff ist. Außerdem wirkt Glycerin nachweislich gut. In der Hautbefeuchtung also konnte Ectoin diesem Klassiker nicht das Wasser reichen.

Merck begann daraufhin mit der Untersuchung anderer möglicher Einsatzgebiete, die sich in der Literaturliste der Webseite von Ectoin bei Merck finden lassen  (8).

Dumm nur, dass irgendwann der Patentschutz für die Verwendung von Ectoin erloschen ist. Und so häufen sich also seit 2010 und besonders ab 2013 die Veröffentlichungen zu diesem Rohstoff. Und andere Anbieter z.B. bitop drängen ebenfalls in den Markt (9).

Kosmetischer Einsatz von Ectoin

Wenn man einen neuen Rohstoff in der Kosmetik einsetzen möchte, dann soll er im weitesten Sinne „hautpflegend“ sein. Komplizierte wissenschaftliche Zusammenhänge wollen die Verwenderinnen nicht hören. Deswegen steht meistens auch so plattes Zeug auf den Produkten wie: „verringert die Faltentiefe“, „erhöht die Hautelastizität“ oder einfach „hält ihre Haut länger feucht“ (10).

In dem Review von Pastor et al wird nicht nur beschrieben, wie Ectoin biotechnologisch hergestellt werden kann, sondern auch eine Übersicht zu seinen verschiedenen Einsatzgebieten gegeben (11).

Außer der Schutzfunktion für Makromoleküle, Zellen und die Haut wurden auch therapeutische Anwendungen betrachtet.

Für die Haut interessante Beobachtungen sind die Verwendung in der Hautalterung: DNA Schutz, Photoprotektion oder die Mediation von Entzündungskaskaden, die durch Ceramide, Heatshockproteine oder SunBurnCells (SBC) ausgelöst werden. In vivo Untersuchungen dazu an Probanden sind eher dürftig. Beschrieben ist dagegen die „anti-ageing-Wirkung“ (12), die Wirksamkeit bei atopischer Dermatitis (13) und dem Schutz der Haut vor Tensiden (14 -16). Wichtig ist mir hier anzumerken, dass einiger diese Wirksamkeitsuntersuchungen mit relativ hohen Mengen an Ectoin gemacht wurden, mit bis zu 7% (17).

Zusammengefasst findet sich die Wirksamkeit von Ectoin auch unter http://www.ectoin.net/. (18)

Abbildung 6: Zusätzlich hat die Firma Bitop, die Ectoin jetzt vertreiben auch Untersuchungen zur Barrierfunktion der Haut gemacht. Allerdings haben sie die Substanz mit 7% eingesetzt (17).

Fazit

Nach der ganzen Enttäuschung von dem Produkt, möchte ich immerhin erwähnen, dass Auftrag und Hautgefühl für eine Augenlidcreme gut  ist. Aber, ich habe gerade für 17,80 EUR Plastikmüll gekauft, mit dessen Entsorgung ich mich allein rumschlagen darf.
Ectoin selber ist ein super interessanter Rohstoff, der aber seine Zukunft definitiv nicht in der Kosmetik hat. Die Publikationsliste von Erwin Galinski in reseachgate (19)  zeigt, wohin die Reise gehen kann. Tatsächlich könnte Ectoin verwendet werden bei gestörten Barrieren.  Diese aber werden sich wahrscheinlich nicht auf der Haut, sondern auf Schleimhäuten, wie der Nase, der Lunge oder gar im Darm, sowie der Hornhaut des Auges befinden. Dort stabilisiert Ectoin den Lipidfim und beugt so dem Eindringen von Schadstoffen vor. Mit einer Creme wie von Medipharma Cosmetics funktioniert das sicherlich nicht. Deswegen ist der Erwerb des Produktes für den ausgelobten Zweck auch rausgeschmissenes Geld.

Literatur

(1) VZHH: Mogelpackung
(2) Pinkmelon: Von der Alutube zur Mogelverpackung
(3) Oceanblog: Plastikverpakung in der Kosmetik
(4) Wikipedia: Ectoin
(5) Lippert, K., Galinski, E.A. Enzyme stabilization be ectoine-type compatible solutes: protection against heating, freezing and drying. Appl Microbiol Biotechnol 37, 61–65 (1992). https://doi.org/10.1007/BF00174204.
(6) GALINSKI, E.A., PFEIFFER, H.‐P. and TRÜPER, H.G. (1985), 1,4,5,6‐Tetrahydro‐2‐methyl‐4‐pyrimidinecarboxylic acid. European Journal of Biochemistry, 149: 135-139. doi:10.1111/j.1432-1033.1985.tb08903.x
(7) Die Zeit 2001: Wirkstoffe
(8) Merckgroup.com: Produkte .
(9) Bitop: Ectoin
(10) DejaYu: Die Wirkung von Kosmetika: Werden wir betrogen?
(11) Pastor et al. Ectoines in cell stress protection: Uses and biotechnological production
(12) Heinrich U, Garbe B, Tronnier H: In vivo Assessment of Ectoin: A Randomized, Vehicle-Controlled Clinical Trial. Skin Pharmacol Physiol 2007;20:211-218. doi: 10.1159/000103204
(13) Marini A, Reinelt K, Krutmann J, Bilstein A: Ectoine-Containing Cream in the Treatment of Mild to Moderate Atopic Dermatitis: A Randomised, Comparator-Controlled, Intra-Individual Double-Blind, Multi-Center Trial. Skin Pharmacol Physiol 2014;27:57-65. doi: 10.1159/000351381
(14) Graf et al. The multifunctional role of ectoine as a natural cell protectant.
(15) Merckgroup.com: Studien Ectoin
(16) Bownik, A., & Stępniewska, Z. (2016). Ectoine as a promising protective agent in humans and animals, Archives of Industrial Hygiene and Toxicology, 67(4), 260-265.
(17) Effect of Ectoin Dermatitis Cream 7% on Skin Hydration and Skin Barrier Function
(18) Ectoin Net
(19) Researchgate: Erwin Galinski: Publikationsliste

Weiterführende links

Merckgroup.com

Pharmawiki: Ectoin

Bildnachweis

Abbildung 1 aus Wikipedia (4)
Abbildung 2 aus (5)

Alle anderen Abbildungen sind eigene Werke, Nutzung nur nach vorheriger Genehmigung durch Ghita Lanzendörfer-Yu info@dejayu.de

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