Verbraucher-Irreführung in den Medien?

Ich reg mich auf! Erst war es nur eine Nachricht in den Nachrichten im ZDF (20.3.2018), in der die Ansagerin auf die nachfolgende Sendung verwies. Dort sollte beleuchtet werden, dass Fleischabfälle und Wasser (igitt) systematisch zur Verbrauchertäuschung verwendet  werden. Ich fragte mich dann schon: Hallo? Fleischabfälle? Irreführung?

Wir halten Tiere unter absolut unwürdigen Bedingungen in Massentierhaltungen eben, lassen diese in Fabrikähnlichen Gebäuden exekutieren, maschinell verarbeiten und glauben an die heile Welt? Fleisch ist genaugenommen eine Tierleiche. Wenn schon ein Wesen für meine Nahrung das Leben lässt, warum sollte ich also nicht alles von ihm auch essen? In China übrigens ist das völlig normal: da werden Hühnerfüße und Schweineohren als Delikatessen genossen. Dort gibt es das Wort Schlachtabfall nicht.

Mediale (Des)Informationskultur?

Warum nun dieser Beitrag in meinem Blog? Es hört ja nicht in den Abendnachrichten auf, im Gegenteil. Derartige Informationen werden überall in den Medien: TV, Radio, Print, Sozialen Netzwerken, Newsletter usw. verbreitet. Selbst in den Redaktionen des öffentlich rechtlichen Rundfunks wird offenbar über die Aussagen, die getätigt werden, nicht mehr nachgedacht. Systematische Irreführung oder nur einfach nicht nachgedacht? Fleischabfälle und Wasser = Wurst (1). Der Verbraucher wird verarscht. Fragt sich aber nur gerade von wem.  Meines Erachtens ist es nicht die Industrie, die diese Produkte nun herstellt, sondern die Redakteure und Journalisten, die sensationsgeil nur noch nach Schlagzeilen gieren. Deswegen zeige ich hier ein paar Beispiele, die wir aus der Kosmetik kennen und die permanent mit Negativschlagzeilen versehen werden. Einige aber auch nicht, obwohl sie es verdient hätten.

Kollagen

Wenn wir also schon bei Schlachtabfällen sind und damit Knochen, Sehnen und Knorpel meinen, dann sind wir schon beim Kollagen. Das, Wunder! Überhaupt nicht negativ konnotiert ist und in diversen Darreichungsformen zum Schön-Trinken angeboten wird (2). Hier könnte man öffentlich rechtlich durchaus kritischer darüber berichten, tut es aber nicht. Ganz nebenbei, diese sogenannten Schlachtabfälle sind über Jahrhunderte wertvolle Rohstoffe gewesen zur Gewinnung von Glycerin und der Herstellung von Seifen und Tensiden (3).

Mikroplastik

Jetzt, fast vier  Jahre nach meinem Beitrag bei pinkmelon (4), „schwimmt“ Mikroplastik noch immer in der medialen Berichterstattung (von den irrwitzigen Plastikteppichen im Meer ganz abgesehen). Die Industrie hat dabei schon lange reagiert und Peelings, Duschgels und Massageprodukte  werden nicht mehr mit Nylon- oder Polyethylenbeads formuliert. Damals wie heute war es codecheck, die diese Information an die Öffentlichkeit brachte. Vor vier Jahren zu recht, heute aber haben sie die Entwicklung offenbar verpasst.

Tampons

Tampons sind aus meiner Sicht DAS Produkt, das die Emanzipation der Frauen ermöglicht hat. Deswegen ist es immer schon kritisch hinterfragt worden (5). DIe Berichterstattung gipfelt jetzt (mal wieder) in der Panikmache um das sogenannte TSS.

Eine ganze Produktgruppe aber pauschal als „gefährlich“ zu brandmarken ist nicht nur irreführend, sondern auch zu kurz gedacht. Unter „Toxic Shock Syndrome“ habe ich mich vor zweieinhalb Jahren sehr kritisch mit Tampons auseinander gesetzt (6). In dem Beitrag habe ich erläutert, dass nicht der Tampon alleine der Bösewicht ist, sondern unser Hygieneverhalten insgesamt. Dabei ist dieses Hygieneverhalten etwas, was z.B. in den USA zu einer Epedemie artigen Verbreitung der Bakteriellen Vaginose beiträgt (7)!

Codecheck liest offenbar weder so was noch meine Beiträge unter pinkmelon, sonst hätten sie‘s gewusst. Weiter ausgeholt habe ich mit mit einem Beitrag über kulturelle Unterschiede bei der Verwendung von Kosmetika(8), um Euch das Thema auch noch mal unter anderen Gesichtspunkten zu verdeutlichen.

Krebserregende Inhaltsstoffe in Kosmetika

Echt der Dauerbrenner in der Konsumentenverunsicherung. Ich kann mir eigentlich überhaupt nicht vorstellen, dass irgendwer diese Aussage von Codecheck zu wasserfester Mascara glauben kann: „Damit Mascara den feuchten Angriffen von Tränen, Duschen und dem Schwimmbadbesuch standhalten kann, sind allerlei Chemikalien nötig. Dazu gehören beispielsweise polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), die als krebserregend gelten. (9)“  Da steht tatsächlich, dass PAKs reinformuliert werden, was nicht nur der Gesetzgebung, sondern auch der Formulierungspraxis aller Hersteller widerspricht (10)!

Für PAKs (11) in Verbraucherprodukten gelten strenge Grenzwerte und, wenn diese überschritten werden, werden diese durch Verbraucherschutzverbände (12) veröffentlicht. Viel wichtiger ist meines Erachtens aber, dass PAKs durch die Umwelt in alle möglichen anderen Produkte gelangen können (13). Hier ist eine Information für Verbraucher viel relevanter als eine sinnentleerte Panikmache vor bestimmten Kosmetika.

Silikone in Kosmetika

Silikonen werden von Verbraucherschutzverbänden alle möglichen schlechten Eigenschaften angedichtet. Die vermeintlichen negativen Auswirkungen auf der Haut habe ich noch nirgendwo wissenschaftlich veröffentlicht gefunden (14) , im Gegensatz zu der erwiesenen Problematik von Silikonen in der Bioabbaubarkeit (15).  Auch sollten sich codecheck Redakteure informieren, wie Silikone tatsächlich synthetisiert werden, bevor sie behaupten „…aus synthetischen Silikonen, die aus Erdöl gewonnen werden.“  Eine einfache google Suche ergibt die relevanten Treffer bei Seilnacht (16) und Wikipedia (17).

Fazit

Ich habe genug gemeckert! Und hoffe, Euch einige Beispiele gezeigt zu haben, bei denen einfaches Nachdenken (anstelle von unreflektiertem Abschreiben oder Weiterleiten) aufzeigt, dass in den Medien getroffene Aussagen irreführend wenn nicht sogar falsch sind. Dabei kann man durch einfache Wortwahl völlig unterschiedliche Eindrücke erzeugen, indem man z.B. von der toxikologisch höchst bedenklichen und erwiesenermaßen teratogenen chemischen Substanz Ethan-1-ol (18)  spricht oder einfach von Alkohol (19).

Literatur

(1)  ZDF Frontal21 vom 20.3.2018
(2) Pinkmelon: Kollagen
(3) Dejayu: Seife
(4) Pinkmelon: Mikroplastik
(5) Pinkmelon: Windeln, Tampons, Binden, Slipeinlagen
(6) Pinkmelon: Toxic Shock Syndrome
(7) Fashemi B, Delaney ML, Onderdonk AB,  Fichorova RN, Effects of feminine hygiene products on the vaginal mucosal biome. Microbial Ecology in Health and Disease (2013) 24: 1-6.
http://doi.org/10.3402/mehd.v24i0.19703
(8) Pinkmelon: Kulturschock
(9) Codecheck Newsletter vom 24.3.2018
(10) Pinkmelon: Was nicht in Kosmetika rein darf
(11) Wikipedia: PAKs
(12) Stiftung Warentest: Wo PAKs überall zu finden sind
(13) Umweltbundesamt DE: PAKs
(14) Educated Therapists: Silikone
(15) Umweltbundesamt AT: Silikone
(16) Seilnacht: Silikone
(17) Wikipedia: Silikone
(18) Pinkmelon: Gefahr und Risiko
(19) Pinkmelon: Alkohol

 Bildnachweis

Alle Abbildungen und Bilder sind eigene Werke, Nutzung nur nach vorheriger Genehmigung von Ghita Lanzendörfer-Yu: info@dejayu.de

Im Titelbild habe ich versucht, mal die relevanten Inhaltsstoffe meines Artikels zusammen zu stellen. Auf einer Silikonbackmatte liegen eine Fleischwurst (das corpus delicti), ein Tampon und meine Mascara, den Hintergrund bildet eine Plastikflasche mit Mineralwasser.

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