Kosmetische Hauttypen – Mythos, Chaos und neueste Erkenntnisse

Gesichtspflegeprodukte werden überwiegend passend zu unserem Hauttyp angeboten. In der Regel sind das drei Kategorien: Trocken, normal, ölig (1,2). Doch die Selbsteinschätzung von uns Verwenderinnen ist mangelhaft. Zusätzlich verwirrt die Aufweitung der Begriffe trockene oder feuchtigkeitsarme Haut (3). Da kaufen wir lieber gleich etwas für sensible oder Mischhaut. Hier betrachte ich den Mythos Hauttyp, welche neuesten Erkenntnisse  es gibt und was das für die Hautpflege bedeuten kann.

Hauttyp und der Fettgehalt der Haut

Wenn wir von Hauttyp sprechen, meinen wir in der Regel den kosmetischen Hauttyp (4). Es gibt noch andere Hauttypen, die davon  zu unterschieden sind. Der wichtigste ist der Hauttyp nach Fitzpatrick, nach dem  die Lichtempfindlichkeit der Haut klassifiziert wird (5).

Beim kosmetischen Hauttyp geht es um  normal, trocken und  ölig (manche sagen auch fettig). Sie werden klassifiziert durch den Gehalt an Sebum auf der Haut. Die Dermatologen sprechen dabei auch gerne von casual sebum level. Dabei wird Sebum durch die Sebocyten an die Haarschäfte abgegeben, von wo es auf die Hautoberfläche fließt.


Abbildung 1: Zusammensetzung des Sebums (6) zeigt, dass dieHauptbestandteile Triglyceride und Wachsester sind. Alle Zahlen sind Durchschnittswerte, die individuellen Schwankungen unterliegen

Die Lipide an der Oberfläche der Haut sind allerdings nicht alleine Sebum. Auch die epidermalen Lipide, die Barrierelipide, finden sich dort. Diese setzten sich zusammen aus Ceramiden, langkettigen freien Fettsäuren und Cholesterin (7). Hautoberflächenlipide sind also ein Gemisch von Sebum und epidermalen Lipiden (8).  Wie diese sich gegenseitig beeinflussen betrachte ich später im Text.

Hauttyp Bestimmung – subjektives Empfinden

Während sich mittels Sebumetrie (9) verlässlich der Fettgehalt der Haut bestimmen lässt, haben wir Verwenderinnen damit subjektiv ein Problem. Erschwerend kommt hinzu, dass die Sebumlevel nicht konstant sind. Bei Männern sind sie grundsätzlich höher als bei Frauen. Sie verändern sich über das Alter, mit der Jahreszeit (im Sommer am höchsten), werden durch unsere Ernährung beeinflusst und sind auch innerhalb eines Areals – Gesicht – unterschiedlich. Dieses ist in der Vergangenheit immer wieder versucht worden zu dokumentieren (10-13). Dabei wurde versucht, unterschiedliche biophysikalische Parameter der Haut zu korrelieren mit Arealen und auch dem subjektiv empfundenen Hauttyp (14). Youn et al. haben an einem koreanischen Kollektiv gemessen und festgestellt: Stirn und Nase sind bei alles Hauttypen öliger als Kinn und Wange. Deswegen definierten sie zusätzlich zur T-Zone auch die U-Zone (15).


Abbildung 2: In den Untersuchungen von Youn (15) zeigte sich deutlich, dass die T-Zone: Stirn und Nase bei allen subjektiven Hauttypen fettiger ist als die U-Zone: Wange und Kinn

Und weil auch das nicht reicht, um abzubilden, was sich in der Praxis wieder findet, erweiterten sie die Definition um Mischhaut (16). Das ist bisher auch eine gängige Typisierung, die aber  Verwenderinnen trotzdem nicht weiterhilft bei der Auswahl der richtigen Pflege.

Die Baumann Hauttypen-Klassifikation und empfindliche Haut

Aber da vielen die Klassifikation nach Fettgehalt der Haut nicht reicht, sind andere Methoden entwickelt worden. Durchgesetzt hat sich die Klassifikation nach Leslie Baumann.


Abbildung 3: Hauttypen nach Baumann (17), Quelle Wikipedia Graphic Designer https://commons.wikimedia.org/wiki/File:BingoCard.png

Außer nach Fettgehalt (trocken-ölig) unterscheidet sie nach Pigmentflecken, Neigung zu Falten und Empfindlichkeit der Haut. Insgesamt ergeben sich so 16 Hauttypen. Auch der immer wieder erwähnten empfindlichen Haut wird hier Rechnung getragen. Empfindliche Haut lässt sich durch biophysikalische Methoden nicht ermitteln (18). Es gibt zwar immer wieder Hinweise auf erhöhte TEWL (Transeidermaler Wasserverlust) Werte  oder gesteigerte Empfindlichkeit auf bestimmte Trigger-Moleküle (z.B. Capsaicin) (19). Dennoch läßt sich dieser Hauttyp nur schwer fassen. Leslie Baumann widmet ihr in ihrem Fragebogen (20) deswegen ihre Aufmerksamkeit der subjektiven Empfindung und klassifiziert letztendlich Hauterkrankungen wie Akne oder Rosacea unter empfindlicher Haut (21). Das ist logisch, denn nach ihrer Definition ist das Gegenteil von empfindlich – resistent.

Hauttyp und Hautbefeuchtung

Bei der ganzen Hauttypenklassifikation fällt auf, dass von Hautbefeuchtung überhaupt nicht die Rede ist. Zwar kann man die Zonen des Gesichtes auch auf den Feuchtigkeitsgehalt der Haut hin untersuchen, doch dieser korreliert nicht mit den Sebumwerten (14).  Im Gegenteil, es mehren sich Hinweise, dass Hautbefeuchtung, also dass, was die allermeisten Pflegeprodukte machen, vielleicht gar nicht so gut ist.

Hauttyp – und die Wirklichkeit

Ein kosmetischer Hauttyp – anders als ein ethnischer Typ (22) oder Lichttyp ist nicht fix. Er kann sich verändern durch äußere und innere Einflüsse. Die Rolle des Sebums ist dabei lange unterschätzt worden. Erst in jüngerer Zeit mehren sich Hinweise darauf, was Sebum alles kann.
Es orchestriert, wie die epidermalen Lipide (auch Barrierelipide genannt) gebildet werden (23). Weiterhin ist Sebum auch für die Barrierefunktion im immunologischen Sinn verantwortlich (24).


Abbildung 4: Multiple Interaktionen von Sebum mit der Hautbarriere (24). Sebum bildet dabei nicht nur einen Lipidfilm auf der Haut, sondern seine Abbauprodukte wirken auch auf immunkompetente Zellen in der Haut und bilden ein günstiges Milieu für ein gesundes Mikrobiom.

Eine Besiedlung der Haut mit Demodex Folliculorum (einer Milbenart) führt dabei zu einer vermehrten Ausschüttung von Sebum und einer leichten Erhöhung des pH Wertes (25). Diese Veränderungen aber können schon ausreichend sein, um die bakterielle Besiedlung der Haut (Mikrobiom) zu beeinflussen. Wie und wie stark, darüber wissen wir noch nichts. Aber auch durch eine gezielte Zufuhr von Feuchtigkeit und Fett lässt sich das Mikrobiom verändern (26,27). So verändern erhöhte Feuchtigkeitszufuhr auf der Stirn und erhöhte Fettzufuhr auf der Wange die jeweilige Zusammensetzung des Mikrobioms (26).  Auch die alleinige Befeuchtung der Wangenhaut führt zu einer Veränderung (27). Zusammen können das  Hinweise darauf sein, wie Akne entsteht.


Abbildung 5: Möglicher Entstehungsweg der empfindlichen Haut. Dabei kann der Ausgangspunkt sowohl trockene als auch ölige Haut sein

Doch auch Akne ist eine multifaktoriell ausgelöste Hauterkrankung. Sie wird zwar immer wieder mit erhöhter Sebumsekretion in Verbindung gebracht, die  Untersuchungen dazu sind aber widersprüchlich. Allerdings wird  Akne aber nur von wenigen Typen aus der großen Familie des Propionibaterium Acnes ausgelöst (28, 29).

Wege aus dem Hauttyp-Chaos

Es wird ja Helena Rubinstein nachgesagt, sie hätte Anfang 1900 den Hauttyp „erfunden“. Und so scheint der kosmetische Hauttyp wirklich ein Marketinginstrument zu sein (30). Es sollte also nicht wundern, wenn die subjektiv empfundenen Hauttypen sich nicht mit biophysikalischen Messergebnissen decken.  Empfindliche Haut lässt sich am sinnvollsten durch einen Fragebogen dingfest machen. Allerdings kann sie auch Folge von falscher Pflege, dort besonders von Reinigung sein (31).
Bei der Pflege sollten wir generell aufpassen, gerade wenn unsere Haut zu Akne oder Rosacea neigt, und nicht zu stark befeuchtende Produkte wählen. Und auch nicht alle „Ratgeber“ im Internet sind wirklich hilfreich. Mit Reinigungsprodukten, die die Sebumsekretion beeinflussen, wäre ich sehr vorsichtig. Denn Sebum, bzw. alle Hautoberflächenlipide sind ein integraler Bestandteil der Schutzbarriere der Haut (32). Eine gute Pflege erhält und unterstützt diese. Erste Hersteller wie z.B. Johnson & Johnson haben dies erkannt und informieren aktiv darüber (33). Ob wir in 10 Jahren dann noch über einen kosmetischen Hauttyp sprechen, glaube ich nicht. Denn der Trend geht weiter in Richtung Individualisierung der Hautpflege (34). Und dabei wird auch diskutiert, inwieweit man das gleich über einen DNA Test abwickelt (35).

Referenzen

(1) Haut.de: Hauttypen
(2) Dr. Loentz: Hauttypen
(3) Codecheck: Trockene und feuchtigkeitsarme Haut
(4) Pinkmelon: Welchen Hauttyp habe ich
(5) Wikipedia: Hauttyp
(6) Picardo M, Ottaviani M, Camera E, Mastrofrancesco A. Sebaceous gland lipids. Dermatoendocrinol. 2009;1(2):68-71. www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2835893/
(7) Pinkmelon: Helfen Ceramide?
(8) Pappas, A., Epidermal surface lipids. Dermatoendocrinol. 2009;1(2):72-6. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2835894/
(9) Bioline: Sebumetrie
(10) Lopez, S. , Le Fur, I. , Morizot, F. , Heuvin, G. , Guinot, C. and Tschachler, E. (2000), Transepidermal water loss, temperature and sebum levels on women’s facial skin follow characteristic patterns. Skin Research and Technology, 6: 31-36. doi:10.1034/j.1600-0846.2000.006001031.x
(11) Firooz A, Sadr B, Babakoohi S, et al. Variation of biophysical parameters of the skin with age, gender, and body region. ScientificWorldJournal. 2012;2012:386936. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3317612/
(12) Pappas A, Fantasia J, Chen T. Age and ethnic variations in sebaceous lipids. Dermatoendocrinol. 2013;5(2):319-24. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3772921/
(13) Wa, C. V. and Maibach, H. I. (2010), Mapping the human face: biophysical properties. Skin Research and Technology, 16: 38-54. doi:10.1111/j.1600-0846.2009.00400.x
(14) Fur, I. L., Lopez, S. , Morizot, F. , Guinot, C. and Tschachler, E. (1999), Comparison of cheek and forehead regions by bioengineering methods in women with different self‐reported “cosmetic skin types”. Skin Research and Technology, 5: 182-188. doi:10.1111/j.1600-0846.1999.tb00129.x
(15) Youn, S. W., Kim, S. J., Hwang, I. A. and Park, K. C. (2002), Evaluation of facial skin type by sebum secretion: Discrepancies between subjective descriptions and sebum secretion. Skin Research and Technology, 8: 168-172. doi:10.1034/j.1600-0846.2002.10320.x
(16) Youn, S. W., Na, J. I., Choi, S. Y., Huh, C. H. and Park, K. C. (2005), Regional and seasonal variations in facial sebum secretions: a proposal for the definition of combination skin type. Skin Research and Technology, 11: 189-195. doi:10.1111/j.1600-0846.2005.00119.x
(17) Wikipedia: Baumann Skin-types
(18) Pinkmelon: Sensible Haut
(19) Misery, L. , Loser, K. and Ständer, S. (2016), Sensitive skin. J Eur Acad Dermatol Venereol, 30: 2-8. doi:10.1111/jdv.13532
(20) Baumann, Leslie. (2014). Baumann Skin Type Indicator- A novel Approach To Understanding Skin Type. 29-39. https://www.researchgate.net/publication/288331555_Baumann_Skin_Type_Indicator-_A_novel_Approach_To_Understanding_Skin_Type
(21) Baumann, L., Understanding and Treating Various Skin Types: The Baumann Skin Type Indicator, Dermatologic Clinics, 26:3, 359-373 (2008) https://doi.org/10.1016/j.det.2008.03.007 http://www.beauty-review.nl/wp-content/uploads/2014/04/Understanding-and-treating-various-skin-types-the-Baumann-Skin-Type-Indicator..pdf
(22) Rawlings, A. V. (2006), Ethnic skin types: are there differences in skin structure and function?1. International Journal of Cosmetic Science, 28: 79-93. doi:10.1111/j.1467-2494.2006.00302.x
(23) Ludovici, Matteo,  Kozul, Nina, Materazzi, Stefano, Risoluti, Roberta, Picardo, Mauro, Camera, Emanuela, ( 2018), Influence of the sebaceous gland density on the stratum corneum lipidome,  Scientific Reports 8: 11500, 1,  https://doi.org/10.1038/s41598-018-29742-7
(24) Lovászi, Marianna,  Szegedi, Andrea,  Zouboulis, Christos C.,Törőcsik, Dániel, (2017) Sebaceous-immunobiology is orchestrated by sebum lipids, Dermato-Endocrinology, 9:1 e1375636 https://doi.org/10.1080/19381980.2017.1375636
(25) Ts. Sarangua, A. Gurbadam, Ya. Enkhtur, (2013), Correlation Demodex Folliculorum and Skin Biophysical Parameters, Journal of Cosmetics, Dermatological Sciences and Applications, Vol.3 No.3, https://file.scirp.org/pdf/JCDSA_2013092511513193.pdf
(26) Mukherjee, Souvik, Mitra, Rupak, Maitra, Arindam, Gupta, Satyaranjan, Kumaran, Srikala, Chakrabortty, Amit, Majumder, Partha P., (2016) Sebum and Hydration Levels in Specific Regions of Human Face Significantly Predict the Nature and Diversity of Facial Skin Microbiome, Scientific Reports, 6:36032 https://doi.org/10.1038/srep36062
(27) Lee HJ, Jeong SE, Lee S, Kim S, Han H, Jeon CO. Effects of cosmetics on the skin microbiome of facial cheeks with different hydration levels. Microbiologyopen. 2017;7(2):e00557. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5911989/
(28) Tomida S, Nguyen L, Chiu B, Liu J, Sodergren E, Weinstock GM, Li H. Pan-genome and comparative genome analyses of Propionibacterium acnes reveal its genomic diversity in the healthy and diseased human skin microbiome. mBio (2013) 4(3):e00003-13.doi:10.1128/mBio.00003-13 https://mbio.asm.org/content/4/3/e00003-13.short
(29) Fitz-Gibbon S, Tomida S, Chiu BH, Nguyen L, Du C, Liu M, Elashoff D, Erfe MC, Loncaric A, Kim J, Modlin RL, Miller JF, Sodergren E, Craft N, Weinstock GM, Li H, Propionibacterium acnes Strain Populations in the Human Skin Microbiome Associated with Acne, Journal of Investigative Dermatology (2013), 133 (9): 2152-2160.
https://doi.org/10.1038/jid.2013.21.
(30) Katerina Steventon, Consumer Perspective—Skin Types and Sensory Experience, (2013), Cosmetics& Toiletries, https://www.cosmeticsandtoiletries.com/research/biology/199897981.html
(31) Walters RM, Mao G, Gunn ET, Hornby S. Cleansing formulations that respect skin barrier integrity. Dermatol Res Pract. 2012;2012:495917. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3425021/
(32) Tao, R & Niu, Y.-Q & Guo, J.-M & Zhong, S.-M & Wu, Y. (2015). The relationship between subjective skin type and skin barrier function. Journal of Clinical Dermatology. 44. 3-6. https://www.researchgate.net/publication/282273222_The_relationship_between_subjective_skin_type_and_skin_barrier_function
(33) Johnson&Johnson: Mikrobiom und Haut
(34) KPMG: Der Trend individualisierte Produkte
(35) Donna: Hautpflege nach Mass

Bildnachweis

Abbildung 3 Wikipedia Graphic Designer https://commons.wikimedia.org/wiki/File:BingoCard.png
Abbildung 4 Lovaszi et al. https://doi.org/10.1080/19381980.2017.1375636

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