Naturkosmetik und die Bio-Lüge

Naturkosmetik wird als einer der Megatrends der kommenden Jahre bezeichnet. Jetzt schon brummt der Markt. Doch bei allem, wo es was zu holen gibt, tummeln sich auch schwarze Schafe, Trickser und Betrüger.


Abbildung 1: Die Verhältnisse der Marktanteile nach Ländern zeigen, dass Asien der größte Markt für Naturkosmetik ist. Dort ist auch die Prognose für das Wachstum in 2018 mit 10% am höchsten. In Europa wird das Wachstum in 2018 mit 5% vorhergesagt. Es ist damit das niedrigste, die anderen Regionen liegen in der Mitte.

Dabei verstehen wir Verbraucherinnen unter Naturkosmetik eine ganze Palette verschiedener Dinge: Sie soll bio sein, gewaltfrei hergestellt, auf Tierversuche (1) verzichten, keine Chemie beinhalten, keine Konservierungsstoffe enthalten, fair produziert sein usw. Die Begriffe Nachhaltigkeit, Natur und Öko werden dabei synonym gebraucht. Unter Pinkmelon habe ich diesen Monat schon etwas zu Nachhaltigkeit (2) veröffentlicht. Hier geht es mir jetzt darum, wie wir verlässlich Naturkosmetik erkennen können  und wo und wie  wir in die Irre geführt werden.

Die Siegel und das Ringen um Vereinheitlichung

Die erste Definition von Naturkosmetik stammt aus dem Jahr 1992. In den Jahren danach bis 2015 ist diese Definition erweitert und mit unterschiedlichen Siegeln  bereichert worden. Alle diese Definitionen und Siegel wurden von  Industrieverbänden entwickelt, die danach streben, ein für den Verbraucher verständliches Erkennungsmerkmal  bereit zu stellen. Dabei geht es darum, bestimmte Inhaltsstoffe abzulehnen und bestimmte Rohstoffe zu bevorzugen. Uneinigkeit bestand in Berechnungsgrundlagen, zum Beispiel bei bio-Anteilen, die Bewertung von Inhaltsstoffen, die aus der Petrochemischen Industrie kommen oder Rohstoffen, die durch Fermentation gewonnen werden. In Deutschland gibt es nun zwei Naturkosmetiksiegel:  das BDIH Siegel als COSMOS Standard (3)  (in DE: BDIH, GB: Soil association, FR: Ecocert,  und Cosmebio, IT: ICEA), das 2015 verbindlich in Kraft getreten ist und das Natrue Siegel (4). Das Natrue Siegel gibt es seit 2008.


Abbildung 2:  Die beiden in Deutschland relevanten Naturkosmetiksiegel. Die Zahl der zertifizierten Naturkosmetik-Produkte steigt kontinuierlich

Biozertifiziert

Unter biozertifizierter Naturkosmetik versteht man dann noch strengerer Anforderungen, Hier werden Rohstoffe, die aus der Landwirtschaft kommen, den strengen Richtlinien eine Biozertifizierung unterworfen . Dieses können sein, (Pflanzen)Extrakte, Öle, Wachse oder ätherische Öle. Andere Rohstoffgruppen lassen sich nicht bio-zertifizieren. Deswegen kann es typischerweise auch keine Kosmetikprodukte geben, die 100% biozertifiziert sind, mit Ausnahme von Massageölen und Parfums.


Abbildung 3: Rohstoffgruppen, die in Kosmetik Verwendung finden. Einzig Erzeugnisse aus  der Landwirtschaft, die nicht chemisch modifiziert sind, lassen sich bio-zertifizieren

ISO 16128

2017 einigte sich Cosmetics Europe, der europäische Dachverband aller Kosmetikhersteller, auf eine ISO Norm. Unter der Nummer ISO 16128 wurde eine technische Richtlinie zusammen mit Auswahlkriterien für Rohstoffe für Naturkosmetik veröffentlicht. Der wichtigste Unterschied zu den Siegeln ist: Sie soll / kann nicht in dem sogenannten Claim Support, den Werbeaussagen verwendet werden.  Nach der Iso Norm kann ein Hersteller ohne weitere Kontrolle selber berechnen, wie sehr sein Produkt der Naturkosmetik entspricht (5). Das macht z.B. L’Oréal mit der Marke Botanicals (6). In dem Haarshampoo wird dann ausgelobt: Mit 98 % natürlichen Inhaltsstoffen. Aus meiner Sicht Irreführung.

Übertriebene Verbrauchererwartungen

Dass Hersteller mit den sogenannten „greenwashing“ durchkommen liegt auch an unseren übertriebenen Erwartungen. Kurz, wir Verwenderinnen wollen die Eier legende Wollmilchsau. Und das geht nicht. Gleichzeitig ist auch die Wahrnehmung verschoben, nicht nur bei  jungen urbanen Frauen, die  ökologisch motiviert sind und dann Botanicals im Badezimmer stehen haben oder die Marke Kiehls als nachhaltig ansehen.

Konventionelle Kosmetik ist nicht schlecht, doch, wenn man Naturkosmetik haben will, kann man sich nicht darauf verlassen, wie das Etikett aussieht. Siegel wie „vegan“, „leaping bunny“ oder gar Eigenkreationen sind hübsch. Solche Produkte sind aber nicht nach den strengen Standards der Naturkosmetik zertifiziert. Ob nun Nature Box oder wahre Schätze von Garnier, die uns damit versuchen zu verführen, dass sie „authentische Zutaten aus der Natur“ verwenden. Sie sind keine Naturkosmetik!  Natürlich unterstreichen sie auch Eigenschaften, die für  Naturkosmetik wichtig  sind: ohne Chemie, ohne Tierversuche, gesund, fair produziert, nachhaltig, usw.

Macht Euch klar – streng biozertifiziert  gibt es nur für ganz wenige ausgewählte Produktkategorien innerhalb der Naturkosmetik. Naturkosmetik selbst funktioniert nur gut in pflegenden und reinigenden Produkten und Make-up oder Haarfarben lassen sich derzeit nicht nach Naturkosmetik-Standards zertifizieren. So untersuchen das auch viele Medien und kritisieren das Wischi-Waschi der Greenwasher (7, 8).

Vergesst ISO 16128!  Nur wo die Siegel (Abb.2) drauf sind, ist Naturkosmetik drin.

Referenzen

(1) Dejayu: Tierversuche
(2) Pinkmelon: Nachhaltigkeit
(3) cosmos-standard
(4) natrue-organisation
(5) Naturkosmetikcamp: ISO16128
(6) Pinkmelon: Testbericht Botanicals Shampoo
(7) NDR-Sendung vom 17.9.2018
(8) Brigitte: Beitrag vom 22.8.2016

Bildnachweis

Alle Bilder eigene Werke, Abbildungen 1-3 sind nach Daten aus dem IKW Journalisten-Kosmetiktraining Naturkosmetik vom 18.10.2018 gefertigt. Nutzung aller Bilder unter der Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0

 

 

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